Chios im Herbst – Eine Wanderung

Im bunten und orientalisch hektisch anmutenden Thessaloniki ging ich die Promenade vom weißen Turm zum Hafen entlang. Die Gebäude des Fährhafens standen zwar noch, die Folgen der Wirtschaftskrise machten sich jedoch auch hier bemerkbar. Noch vor einigen Jahren fuhren täglich Autofähren zu den unterschiedlichsten griechischen Inseln. Nun aber waren alle Verbindungen eingestellt. Eine nette Dame bei der Touristikinformation informierte mich, dass es in Kavala noch Verbindungen in die Ostägäis gebe. Am Abend würde noch ein Schiff ablegen und die Inseln Lesbos und Chios anlaufen. Ich nahm einen Bus nach Kavala, das im nordöstlichen Teil Griechenlands liegt, und hoffte darauf, das Schiff noch zu bekommen. Ich hatte Glück und kaufte ein Ticket nach Chios.

Auf der Nissos Rhodos

Nissos Rhodos

Nissos Rhodos

Die Nissos Rhodos1987 erbaut, 29.733 Bruttoregistertonnen schwer, bietet genügend Platz für 750 Fahrzeuge und ist damit zwar nicht das größte Schiff der 2005 gegründeten Reederei Hellenic Seaways, aber dasjenige mit dem größten Laderaum. Es dauerte etwa drei Stunden, bis das letzte Auto im Rumpf des Kolosses verschwunden war. Wir wenigen Passagiere, die ohne Auto unterwegs waren, mussten uns gedulden. Wir durften erst an Bord gehen, als das letzte Fahrzeug im Schiffsbauch verschwunden war. Zwei voll besetzte Rolltreppen bewegten sich gemächlich zu den oberen Decks. Davor gab es lange Schlange mit wartenden Passagieren. In den Innenräumen waren nur noch sehr unattraktive Schlafstellen frei. Obwohl es Hochsommer war, hatte es sich bisher niemand auf dem Außendeck gemütlich gemacht. Genaugenommen war ich der Einzige, der es vorzog unter freiem Himmel zu schlafen. Ich legte meine Isomatte aus und betrachtete durch den wolkenlosen Himmel die Sterne, es herrschte eine leichte Brise, das riesige Schiff schaukelte kaum merklich und ich wachte ohne Magengrimmen am frühen Morgen auf.

Ein Imbiss am Morgen

Chios – Stadt

Chios – Stadt

Die Hauptstadt der Insel heißt ebenfalls Chios und hat beachtliche 26.850 Einwohner (Wiki). Eine bis zu 1297 Meter hohe Bergkette, Pelinneo genannt, durchzieht das ca. 842 km² große Eiland. Ich setzte den 60 Liter Rucksack auf und ging nach der Anlandung des Schiffes mit der Hoffnung auf eine geöffnete Bäckerei in die Innenstadt. Der Autoverkehr schlief noch. Am Ortsausgang fand ich einen kleinen Imbiss und aß einen Pita mit Schafskäse und trank dazu einen Kafé Ellinikós. Die Besichtigung der Stadt wollte ich mir für das Ende der Tour aufheben und wanderte die Küste weiter nach Süden. Neben der Küstenstraße existieren auch einige asphaltierte Straßen, die den Westteil mit dem Ostteil verbinden. Größtenteils schlängeln sich aber Schotterwege und Wanderpfade entlang von tiefen Schluchten und zwischen Olivenhainen hindurch die Berge hoch.

Lefkonia – Karfas – Thimiana

Chios

Chios

Hinter dem Flughafen und dem Industriegebiet erwarteten mich Strand und pittoreske Dörfer, so hoffte ich. Zu früh gefreut. Entlang der Küste reiht sich Luxushotel an Luxushotel. Rechter Hand, weit oben in den Bergen, sah ich die Umrisse einer Kirche und drum herum rotbraune Ziegeldächer. Die Häuser erschienen mir auf die Ferne wie in den Felsen gehauen. Anstatt weiter der Küstenstraße zu folgen, wanderte ich auf schmalen Wegen in die Berge. Ursprünglich wollte ich mir für die Bergwanderung noch einen Tag Zeit lassen um mich zu akklimatisieren, denn der Sommer war heiß und mein Rucksack schwer. Aber wenigstens hatte ich genug Wasser dabei. Nach dem Dörfchen Thimiana führt ein schmaler Pfad parallel zur Hauptstraße zum Agios Georgios Sikousis empor. Das ehemalige Kloster wurde schon vor langer Zeit von den Mönchen verlassen und um die Kirche herum ist eine kleine Siedlung entstanden.

Agios Georgios Sikousis

Sonnenuntergang

Sonnenuntergang

Von Chios bis Agios Georgios Sikousis sind es etwa 18 Kilometer Wanderstrecke. Am späten Nachmittag kam ich dort an. Die Ansiedlung entpuppte sich als größerer Ort mit mehreren Hundert Einwohnern. Im kleinen Zentrum gibt es zwei nette Cafés. Ich stärkte mich mit einem Pita-Gyros und einem großen Teller Salat und kaufte noch eine Flasche Wein, die ich neben meinem Zelt im Abendrot auf den hohen Felsen über dem Meer trank.

Ein Gespräch

Oliven Hain

Oliven Hain

Am nächsten Morgen wanderte ich weiter in Richtung Lithi. Am Ortsausgang von Agios Georgios füllte ich meine Wasserflaschen an einem Brunnen auf. Unterdessen fuhr ein Mann auf einem Motorroller an mir vorbei. Er war auf dem Weg zu seinen Mastixbäumen, hielt dann aber an und wir kamen in ein Gespräch. Ich dachte ein einsamer Wanderer in den Bergen von Chios sei eine Kuriosität. Der Mann belehrte mich aber, dass Chios ein Wanderparadies sei und das ganze Jahr über vor allem von Wandergruppen bevölkert sei. Seiner Ansicht nach gelte das aber mehr noch für den unwirtlicheren zerklüfteten Norden, da es dort die höchsten Berge gibt. Dennoch sei auch der Süden der Insel ein beliebtes Wanderziel. Vor allem in der Gegend der Ellinostrata und des berühmten Klosters Nea Moni, das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

Ellinostrata

Ellinostrada

Ellinostrada

Die Odos Ellino, oder Ellinostraße ist ein schon in der Antike angelegter Weg, der die verschiedenen Inselteile miteinander verbindet. Er wurde im Laufe der Jahrhunderte von Mönchen und Schäfern zu einer, von unzähligen Stufen unterbrochenen, gepflasterten Straße ausgebaut. Ich erwog zunächst das Kloster Nea Moni weiter im Norden zu besuchen. Aber ich wollte vorerst nach Lithi und dort entlang des Strandes weiter bis Avgonima wandern. Der Weg beginnt ganz unvermittelt hoch oben in den kargen Gipfeln. An vielen steileren Abschnitten, vor allem in den Kurven, ist der Weg durch kleinere Erdrutsche teilweise unterbrochen. In den flachen Abschnitten ist er allerdings erstaunlich gut erhalten. Der Höhepunkt des Abstieges, ist der Moment, wo man aus großer Höhe das erste Mal Lithi und Lithi-Strand erblickt. Die Aussicht ist grandios.

Von Seemännern und Mastixbäumen

Ellinostrada

Ellinostrada

Chios ist kein populäres Ziel des Massentourismus. Auf dem Schiff waren kaum Backpacker und meistens hörte ich die Leute griechisch reden. Den Wohlstand verdankt die Insel Chios den Mastixbäumen und schon immer sind die Männer auf Chios bekannt dafür gewesen, stolze Seeleute zu sein und auch heute noch befahren viele von ihnen die Weltmeere. Der Abstieg nach Lithi war einzigartig schön. Entlang des Bergkamms wechseln sich fruchtbare Oliven- und Mastixhaine mit von tiefen Schluchten durchzogene karge Felsen ab. In Lithi, das pittoresk an einer weiten Bucht in der Ägäis liegt, aß ich zu Abend und sucht mir einen Platz am Strand. Das Zelt baute ich nicht auf. Es war ein klarer und warmer Sommerabend.