Anfang Juli. Ein plötzlicher Kälteeinbruch zwang mich zu einer längeren Pause. Viel Regen, Wind in Orkanstärke und Gewitter hatten die letzten Tage zu einer Tortur werden lassen. Der Campingplatz Lovsjöbadens kurz vor Jönköping, romantisch an einem kleinen See gelegen, war wie leer gefegt. Durch das Unwetter war der sorgfältig gemähte Rasen an vielen Stellen knöcheltief überflutet. Auf einer höher gelegenen und einigermaßen trockenen Stelle schlug ich mein Zelt auf.

Campingplatz Lovsjöbadens
Campingplatz Lovsjöbadens

Eine Schlammschlacht

Allerdings war der Boden vom vielen Dauerregen schon derart aufgeweicht, dass der Gang zur Toilette nasse und schlammige Füße zur Folge hatte. Ich war bei außergewöhnlich warmem und sonnigem Wetter Mitte Juni in Heidelberg gestartet. Bis Växjö, im Herzen von Småland, fuhr ich durch eine regelrechte Hitzewelle. Im südlichen Schweden sind die Übernachtungspreise noch moderat. Aber je nördlicher, desto teurer werden paradoxerweise die Unterkünfte. Glücklicherweise ist es recht einfach, schöne Plätze zum Wildcampen zu finden. Bei schlechtem Wetter genieße ich jedoch gerne eine warme Dusche auf einem Campingplatz.

Ohne Gepäckträger im Wald

Moor
Moor

Kaum hatte ich dieses Unwetter überstanden, ereilte mich das nächste Ungemach. In einem längeren Waldstück waren mir die Befestigungsschrauben des Gepäckträgers durchgebrochen. Es ist nicht lustig mit vier schweren Taschen aber ohne Gepäckträger da zustehen.

Bei JönköpingBei Jönköping
Bei Jönköping

Glücklicherweise hatte ich starken Draht und Kabelbinder mitgenommen. Es gelang mir, den Gepäckträger notdürftig am Rahmen zu befestigen. So geflickt radelte ich dann an einem Sonntagmorgen nach Jönköping.

Jönköping

Vättern bei Jönköping
Vättern bei Jönköping

In einer Seitenstraße bemerkte ich zufällig eine geöffnete Autowerkstatt. Zwei Männer schweißten den Unterboden eines auf einer Hebebühne aufgebockten Autos. Ich schob das Rad in die Werkstatt hinein, und als mich die Arbeiter bemerkten, grüßte ich und bat die beiden auf Schwedisch um Hilfe. Die beiden Automechaniker kamen aus Polen. Sie sprachen kein Schwedisch, aber wir verständigten uns mit Händen und Füßen. Sie behoben schnell die Schäden, indem sie mit Spezialwerkzeug die gebrochenen Schraubenreste aus dem Gewinde holten. Und als ich fragte, was ich ihnen schulde, winkten sie nur ab. Ich  bedankte mich und fuhr in Richtung des Strandbades, das sich direkt nördlich des Stadtkerns anschließt.

Vättern

Vaettern bei Joenkoeping
Vaettern bei Joenkoeping

Ein Radweg führt rund um den Vättern See, dem mit 1 885,98 km²  zweitgrößten See Schwedens. Dort findet die alljährliche Vättern-Rundfahrt, die sogenannte Vätternrundan, statt. Bis zu 35000 Fahrer und Fahrerinnen radeln die 300 km lange Strecke an einem Wochenende im Juni. Die Vätternrundan ist damit eine der größten Radsportveranstaltungen der Welt.

Am Götakanal
Am Götakanal

Einige Kilometer nördlich von Ekeskog führt ein, mal mehr mal weniger komfortabel ausgebauter Treidelpfad, bis Mölltorp am Vänern. Die Strecke ist hügelig, ohne dabei sonderlich anspruchsvoll zu sein. Entlang des Götakanal laden zahlreiche ausladende Rasenflächen mit Feuerstellen zum campen ein. Bei Ekeskog, wo ich am späten Abend einen schönen Rastplatz an einem kleinen See gefunden hatte, bereitete ich mein Lager für die Nacht.

Wildes Zelten dank Jedermannsrecht

Am Götakanal
Am Götakanal

In den skandinavischen Ländern, aber vor allem in Schweden, gilt das Allemansrätten (Jädermannsrecht). Im freiheitsliebenden Schweden wandern und jagen die Menschen in den endlosen Wäldern und schwimmen und angeln in den zahllosen Seen. Selbstverständlich lassen sie sich von Privatbesitz nicht abschrecken, um ihre Freiheit zu leben, respektieren aber die Privatsphäre von bewohnten Häusern. Dadurch ist es problemlos möglich, sich einen einzigartigen Schlafplatz zu suchen. Da Schweden sehr wasserreich ist, gibt es vor allem in den Sommermonaten nahezu überall Unzählige der berühmten schwedischen Mücken.

Götakanal
Götakanal

Es hilft dann auch kein Mückenmittel mehr. Die lauen Sommerabende möchte ich nicht im Zelt verbringen, so bleibt mir nicht viel anderes übrig als mich mit langer Hose und Jacke zu vermummen. Das stetige Summen und Stechen einfach zu ignorieren. Der Mensch gewöhnt sich wirklich an alles. Nachdem mein Zelt aufgebaut und das Essen gekocht war, genoss ich den Duft angebratener Zwiebeln und des Knoblauchs.

Götakanal

Götakanal
Götakanal

Der durch den schwedischen Landesteil Götaland fließende und zwischen 1810 und 1832 von 58000 Soldaten gegrabene Götakanal ermöglicht eine durchgängige Wasserstraßenverbindung von Ost- und Nordsee. Bei Göteborg, der zweitgrößten Stadt Schwedens entwässert er in die Nord- und bei Norrköping in die Ostsee. Der Kanal passiert 58 Schleusen, 50 Brücken und fünf Seen. Der Götakanal ist bei allen Schweden als Ausflugsziel sehr beliebt. Neben Kreuzfahrten werden dort auch mehrtägige Radreisen immer beliebter. Entlang des Götakanals traf ich immer wieder auf Gruppen und einzelne Radler aus aller Welt. Die nicht sehr anspruchsvolle Strecke überwindet auf der gesamten Länge lediglich 91,5 Höhenmeter und ist bei Jung und Alt gleichermaßen beliebt.

Zweiter Tag

Vaenern
Vaenern

Die Nacht war etwas unruhig. Das wilde, naturverbundene Zelten hat neben dem unbestreitbaren Vorteil sich den kleinbürgerlichen Zwängen eines Campingplatzes nicht aussetzen zu müssen auch einen kleinen Nachteil: Wilde Tiere können ganz schön auf die Nerven gehen. Laut bellende Füchse trieben die halbe Nacht ihr Spiel. Auch ein Otter interessierte sich für mich. Ein Schlag gegen meine Zeltwand riss mich plötzlich aus dem Schlaf.

Begegnung mit einem Seeotter

Vaenern
Vaenern

Das Schnüffeln hörte sich nicht nach Wildschwein an. Ich kletterte ohne Angst nach draußen. Kaum stand ich im Gras, sah ich im fahlen Mondlicht einen Otter ins Wasser tauchen.

Kristinehamn und Picasso

Kristinehamn Picasso
Kristinehamn Picasso —-
I, Xauxa, Kristinehamn Picasso statue 03, Auschnitt, Farben von hanfsmoke, CC BY-SA 3.0

Nach dem Morgenkaffee radelte ich weiter bis Kristinehamn. Zwischen Gullspång und Kristinehamn ist das Ufer des Vänern mit seinen Villengebieten und privaten Stränden kaum zugänglich. Sicherlich gibt es schönere Gegenden und Landschaften, die mehr dazu einladen an der einen oder anderen Stelle zu verweilen. Dennoch führt der Radweg auch durch wilde Auen, malerische Dörfer und Wälder bis zur Mündung des Klarälven, dem längsten Fluss Schwedens. Am Nachmittag passierte ich Kristinehamn. Ich hatte noch einige Stunden bis zum Abend und schaute mir die Ausstellung von Skulpturen Pablo Picassos in Kristinehamn an.

Karlstad

Karlstad
Karlstad

Die ehemalige Festungsstadt Karlshamn zählt 70000 Einwohner. Dort beginnt die Klarälvsbanan –> Infos. Eine ehemalige, zu einem Fahrradweg umgebaute Eisenbahnstrecke, auf der das Kupfer- und Eisenerz aus den Minen rund um Mora, Malung und Hagfors, abtransportiert wurde. Die ausgebaute und asphaltierte Strecke zieht sich ungefähr hundert Kilometer nach Norden.

Klarälvsbanan
Klarälvsbanan

Während der Fahrt durch die Innenstadt fielen mir die zahlreichen jungen Menschen auf, die es sich am Ufer des Klarälven gut gehen ließen. Mehr als ein Viertel der Bewohner ist unter 25 Jahre alt.

Klaraelven
Klaraelven

Die am breiten Mündungs-Delta des Klarälven gelegene Universitätsstadt besitzt einen mittelalterlichen Stadtkern, viele Brücken und kleinere Parks. Ich fuhr noch weiter in Richtung Skår und fand auch bald einen Schlafplatz, der aber wenig attraktiv gelegen war. Lediglich einige Meter vom Radweg entfernt und am anderen Ufer eine viel befahrene Hauptstraße.

Klarälvsbanan

Klaraelvsbanan
Klaraelvsbanan

Die früher zur Nordmark-Klarälvens Railways gehörende und zwischen Karlstad und Hagfors gelegene, stillgelegte Bahntrasse, wurde in den 1990 er Jahren zu einem 90 Km langen, komplett asphaltierten autofreien Radweg umgebaut. Sie wird für allerlei Outdoor Aktivitäten wie Ausflüge mit Kindern, Inline-Skaten und Roller-Ski genutzt. Bei Hagfors schließt sich der 120 Kilometer lange und bei Sysslebäck endende Klarälvsleden an.

Dritter Tag

Land von Pipi Langstrumpf

Värmland
Värmland

In diesem liberalen Land, wo Menschen ohne jemandem zu begegnen stundenlang durch die Natur wandern. Freiheit und Weite. Värmländ ist in dieser Hinsicht besonders eindrucksvoll. Natürlich gibt es Landwirtschaft. Schließlich ist Värmland die Kornkammer Schwedens. Vor allem südlich und östlich von Karlstad findet ausgedehnte Landwirtschaft statt. Aber schon einige Kilometer nördlich von Karlshamn, verwandelt sich die offene und mit saftigen Wiesen bestückte Landschaft. Es wird schnell bergiger.

Värmland
Värmland

Dichte Fichten- und Tannenwälder dominieren das Bild. Dazwischen der mächtige Klarälven und zahlreiche grüne Täler und  größere Seen. Das Wasser ist kristallklar und kalt. Herrlich, ein Bad in der Nachmittagssonne. Eine phantastische in Büchern aufgehobene Welt, die Astrid Lindgren Freunde auf der ganzen Welt durch die Kindheit begleitet, wird plötzlich Wirklichkeit.

Rådasjön

Värmland
Värmland

Die letzten beiden Tage war ich viele Kilometer geradelt. Ich fühlte mich beim Aufwachen schlapp und träge. Die Sonne stand schon über den Baumwipfeln. Mehr als elf Stunden hatte ich geschlafen. Zum üblichen Morgenkaffee aß ich ein übrig gebliebenes Brötchen und ließ mir Zeit mit dem Packen meiner Sachen. Radelte dann über Munkfors bis Uddeholm. Am späten Nachmittag erreichte ich Rådasjön. Das Wetter war wunderbar. Kaum ein Wölkchen trübte den Horizont. Es war nicht zu warm gewesen. Ideales Fahrradwetter. Dennoch waren es die härtesten 90 Kilometer seit längerem gewesen. Die permanente Steigung und der stetige Gegenwind forderten ihren Tribut. In Uddeholm aß ich in einem Restaurant zu Abend und fand schließlich an einem Stückchen Strand ein ruhiges Plätzchen für das Zelt. Las noch Wilhelm Moberg und schlief selig ein.

Vierter Tag

Värmland
Värmland

Hagfors, Gustavsfors, Äppelbo und Sillerö bei Malung. Das waren die letzten Orte auf meiner Reise. Die hundert Kilometer lange Strecke war noch einmal anstrengend, denn aufgrund des bergigen Geländes musste ich noch einige Höhenmeter zu überwinden. Nach 26 Tagen und 2145 Kilometer lange Strecke wollte ich die Reise eigentlich in einem Hotel oder einer Pension ausklingen lassen. Allerdings waren die Gasthäuser und Ferienwohnungen alle belegt, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als mir am Busjön einen Schlafplatz zu suchen.